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Ausbildungsberuf Tankwart/-in

Sackgasse oder Zukunft Tankstelle?

 

Ist der Beruf des Tankwarts tot? Die Ausbildungssituation an Tankstellen im Bundesgebiet ist dramatisch schlecht und spaltet die Branche. An vielen Stationen dominieren die vielfach ungelernten und (vielleicht) billigeren 450-Euro-Kräfte. Dabei sollte es das Bestreben eines Tankstellenunternehmers oder Pächters sein, auch den Schritt hin zu einem Ausbildungsbetrieb zu gehen und sich drei Jahre um einen Auszubildenden zu kümmern. Damit werden Mitarbeiter ans Unternehmen gebunden, junge Menschen erhalten eine berufliche Perspektive und dem Kunden wird eine Fachkraft in Service und Beratung geboten.

„Ein sehr trauriges Bild“, findet Hüseyin Günhan. „Wenn es kein Umdenken gibt, ist der Beruf des Tankwarts tot“, fürchtet er. Der 64-Jährige ist seit gut 40 Jahren Berufsschullehrer und seit den 1990er Jahren Lehrer am Nicolaus-August-Otto-Berufskolleg in Köln, einem Berufskolleg, das sich durch Kompetenz in der fahrzeugtechnischen Berufsbildung auszeichnet.

Seine Kritik: „Es fehlt an Vielem. Von den über 14.000 Tankstellen im ganzen Bundesgebiet bilden nur eine Handvoll aus. Wegen der geringen Nachfrage seitens der Ausbildungsbetriebe gibt es Berufskollege nur noch in Berlin, Münster, Essen und Köln.“ Auf der anderen Seite gibt es Ausbilder, so Günhan weiter, die ihren Lehrling an der Station drei Jahre lang nur die Vorwäsche machen lassen, statt ihn in alle Bereiche rund um die Station einzuführen, ihn zu motivieren und zu einer Fachkraft auszubilden.

„Da wundert es nicht, dass der Elan der jungen Leute auf eine Lehrstelle an der Tankstelle gleich Null ist. Ziel einer Lehre darf nicht das Ausnutzen einer billigen Arbeitskraft sein. Es müssen Perspektiven eröffnet und Fachkräfte auf den Markt gebracht werden.“

Appell an die Branche

Diese These unterstreicht auch Stephan Zieger, Geschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen (bft) mit Vehemenz. „Nur gut ausgebildete Fachkräfte ermöglichen unserer Branche eine Perspektive mit Anerkennung durch den Kunden.“

Für ihn ist es völlig unverständlich, dass die Branche die Vorteile von gut ausgebildetem Personal vielfach nicht erkennt. „Wollen wir in Zukunft erfolgreich aufgestellt sein, müssen wir dem Tank- und Waschkunden Service und Dienstleistung mit fachlichem Hintergrund bieten können.“ Dazu gehört Warenkunde zum Thema Fahrzeugöle ebenso wie Grundkenntnisse in Reifen- und Werkstattkunde, kaufmännisches Wissen und serviceorientiertes Handeln in Shop und Bistro. Expertisen, die von einer 450-Euro-Kraft naturgemäß nur bedingt zu erwarten sind.

„Wollen wir zukünftig den Kunden an die Tankstelle binden, wird sich das Dienstleistungszentrum Tankstelle nur durch Service, kundenorientiertes Handeln und durch ein motiviertes Team behaupten können“, formuliert Zieger seinen Appell an die Branche.

Zukunftsweisende Lösung ist am Markt

Diese prekäre Situation hat auch der Mineralölwirtschaftsverband in Berlin erkannt und den Arbeitskreis „Ausbildung an Tankstellen“ wieder aufleben lassen. Der Arbeitskreis, bestehend aus Vertretern führender Mineralölkonzerne und Verbänden wie der UNITI und dem bft, hat 2016 einen Leitfaden zur Ausbildung an Tankstellen für die Zielgruppe Ausbilder an Tankstellen fertiggestellt.

Dazu passende Lernhefte werden aktuell erstellt und ab Sommer 2020 online veröffentlicht. Der Leitfaden ist ein umfassendes Nachschlagewerk [siehe Infokasten rechts] und gibt hervorragende Hilfestellungen für zukünftig ausbildende Tankstellenbetriebe. Die behandelnden Themen sind unter anderem Arbeitssicherheit an der Tankstelle, Umweltschutz, Beratung und Verkauf, Buchführung, Kraftstoffe und Motorenöle bis hin zu Hygiene im Umgang mit Lebensmitteln.

Ausbilder werden kann übrigens jeder. „Einzige Voraussetzung ist der sogenannte Ausbilderschein“, weiß Berufsschullehrer Hüseyin Günhan. „Dieser kostet einmalig knapp 400 Euro, das Erwerben nimmt vier Tage in Anspruch. Der Schein wird über die örtliche IHK oder Handwerkskammer erworben.“

Unternehmer mit Weitblick und Engagement

Zu den wenigen engagierten Unternehmern der Branche gehört Carsten Müller, Geschäftsführer der Kuttenkeuler Mineralölhandels- und Tankstellenbetriebsgesellschaft mbH in Köln. „Wir begleiten unsere Tankstellenpartner unterstützend auf dem Weg zum Ausbildungsbetrieb für Tankwarte und/oder Einzelhandelskaufleute. Mit Unterstützung von Detlef Lange, Betreiber einer bft-Tankstelle in Rösrath, und Berufsschullehrer Hüseyin Günhan haben wir ein Seminar in unserem Haus für unsere Partner mit dem Titel ´Tankwart/-in – ein Ausbildungsberuf mit Perspektive und unternehmerischen Chancen´ angeboten. Ergänzend kam noch ein Ausbildungsberater der IHK Köln hinzu.“

Engagement und Fleiß lohnen sich

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Tankstellenbetreiber Detlef Lange bildet schon seit über 26 Jahren jungen, interessierten Nachwuchs an seiner Station aus. Im letzten Sommer schloß sein Lehrling Erwin Halaj die Prüfung zum Tankwart mit Auszeichnung ab und gehörte damit zu den Ausbildungsbesten Azubis der IHK bundesweit – siehe dazu den nachstehenden Artikel „Vom Flüchtlingskind zum Bundesbesten IHK-Azubi / Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen“.

Engagement lohnt sich. Für beide Seiten. Je höher die Qualifikation von jungen Menschen, desto höher steigt auch die Wertschätzung und das Ansehen der Berufsgruppe Tankwart/in in der Bevölkerung. Damit die Tankstelle eine Zukunft hat.

 

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